Das „Aachener Modell“; Beamten-Magazin 03/2016


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Das „Aachener Modell“

Gewaltprävention im öffentlichen Dienst

Gewaltprävention, wie etwa Deeskalationstraining, bringt man im ersten Moment nicht mit der Ausübung von Verwaltungsberufen in Verbindung. Im Zuge einer wachsenden Zahl von Angriffen auf Polizei-, Rettungs- und Feuerwehrkräfte (s. auch S. 6 und 7) sind aber auch körperliche und verbale Übergriffe auf Beschäftigte in Jugend- und Sozialämtern, Finanzämtern und Jobcentern verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gelangt. Für Behörden mit Publikumsverkehr gewinnt die Umsetzung von Präventionsmaßnahmen an Bedeutung. Ein wichtiges Ziel: Beschäftigte sollen nicht das Gefühl haben müssen, Übergriffen schutzlos ausgeliefert zu sein. Das „Aachener Modell zur Reduzierung von Bedrohungen und Übergriffen an Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr“ bietet einen Ansatz für gute Präventionsarbeit.

Das „Aachener Modell“ resultiert aus Erfahrungen einer gemeinsamen erfolgreichen und kooperativ gestalteten Aufsichts- und Präventionsarbeit der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen und des Polizeipräsidiums Aachen. Das Magazin für Beamtinnen und Beamte stellt es im Folgenden in Auszügen vor.

Erscheinungsformen der Gewalt

Gewalt am Arbeitsplatz kennt viele Facetten: angefangen von dem Zerreißen von Formularen, verbalen Attacken und Beschimpfungen aufgebrachter Kunden, Beleidigungen, Hetzkampagnen sowie üblen Nachreden bis hin zu schweren Übergriffen unter Einsatz von Waffen. Verbale Angriffe und subtile Beleidigungen treten bei der Arbeit mit Publikum häufig – in manchen Bereichen täglich – auf. Eindeutige Bedrohungen und der Einsatz körperlicher Gewalt ereignen sich im Berufsalltag seltener. Katastrophen wie ein Amoklauf, ein Angriff mit Waffen oder eine Geiselnahme sind die Ausnahme. Besonders die Medienpräsenz nach gravierenden Einzeltaten und die daraus resultierende Angst, Unsicherheit und das Gefühl der Ohnmacht der Beschäftigten, am Arbeitsplatz selbst Opfer eines solchen Geschehens zu werden, tragen dazu bei, dass sich immer mehr Unternehmen mit dem Thema „Gewalt am Arbeitsplatz“ auseinandersetzen.

Gefährdungslagen

Voraussetzung für die Erarbeitung eines wirkungsvollen Schutzkonzeptes ist die systematische Erfassung und Bewertung der Bedrohungsarten, die für den zu betrachtenden Bereich zutreffen können. Das „Aachener Modell“ trägt dieser Forderung Rechnung. Im Abschnitt „Gefährdungslage“ werden die unterschiedlichen Formen der Gewalt am Arbeitsplatz nach der strafrechtlichen Relevanz und somit der „Schwere“ einer Tat, aber auch nach dem gefühlten Bedrohungs- bzw. Angstpotential eingeteilt.

Gefahrenbewertung – Einschätzen der Gefahrenlage im Betrieb

Eine absolute Sicherheit auf unvorhersehbare Ereignisse gibt es nicht. Mit der Erkenntnis, dass etwas passieren kann, beginnt Prävention. Im Rahmen einer Gefahrenbewertung muss analysiert werden, welches Gefahrenpotenzial der einzelne Arbeitsplatz oder bestimmte Bereiche bergen, welche Personenkreise besonders gefährdet sind und wer oder was gefährlich sein könnte. Diese Einschätzung ist in der Praxis nicht immer einfach. Die vier im Konzept erläuterten Gefahrenstufen sollen bei der Bewertung der Arbeitsplätze bzw. der Tätigkeiten in Hinblick auf die Gefahrendisposition eine Orientierung bieten.

Der Einstufungsprozess muss sich aus einer seriösen Annährung verschiedener Betrachtungsweisen ergeben. Als Grundlage hierfür können die innerbetrieblichen Dokumentationen (Meldungen, Strafanzeigen, Unfallanzeigen) oder Stellen- und Arbeitsplatzbeschreibungen dienen. Neben diesen objektiven Daten hat das subjektive Empfinden der Betroffenen eine besondere Bedeutung. In der Praxis zeigt sich, dass eine Gefahrenbewertung unter Einbeziehung der Erfahrungen der Beschäftigten, Verantwortlichen und Experten (z. B. Polizei, Unfallversicherungsträger, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betriebsärzte) meist zu einer realistischen Einschätzung führt.

TiPP: Fragebogen „FoBiK – Formen der Bedrohung im Kundenverkehr“ aus dem Konzept nutzen

Handelnde Personen – Wer sollte Konflikte lösen?
Wer handelt in bedrohlichen Situationen?

In Diskussionen mit Beschäftigten und Führungskräften aus Bereichen der öffentlichen Verwaltung mit Publikumsverkehr zeigt sich immer wieder, dass die gegenseitige Hilfe, selbst in gefährlichsten Situationen, als selbstverständlich angesehen und von den Verantwortlichen geduldet wird. Der Gedanke der Eigensicherung wird hierbei von den Handelnden in den meisten Fällen nicht beachtet. Beschäftigte begeben sich trotz fehlender Qualifikation und ohne ausreichende Information in Gefahrensituationen. Oft sind sich Führungskräfte dieses Umstands und ihrer Führsorgepflicht nicht bewusst. Sie vertrauen – ausgehend von der Hilfsbereitschaft der Beschäftigten untereinander – viel zu leichtfertig auf die „Selbstheilungskräfte“ einer Belegschaft. Deshalb sollte dafür sensibilisiert werden
– bis zu welcher Gefährdungsstufe Beschäftigte selber Konflikte lösen können und sollten,
– ab wann Vorgesetzte einzubeziehen sind und
– warum bei bestimmten Gefahrenszenarien Sicherheitsdienste oder die Polizei notwendig sind, um die Situation wirkungsvoll zu klären.

Situationsbedingte Handlungs- und Verhaltensempfehlungen
Wie ist in einer möglichen Bedrohungssituation zu reagieren?

Bezüglich dieser Frage werden bewährte technische, organisatorische und personenbezogene Handlungs- und Verhaltensempfehlungen für die einzelnen Gefährdungsstufen gegeben.
Beispiele:
– gefahrenbewusste Büroeinrichtung und Absprachen mit Kolleginnen und Kollegen, Deeskalationstraining
– Dokumentation des Vorfalls, Hausverbot aussprechen, Strafanzeige erstatten
– medizinische und psychologische Erstbetreuung

Betriebliche Voraussetzungen schaffen

Damit die Empfehlungen von Beschäftigten und Vorgesetzen in Gefahrensituationen wirkungsvoll umgesetzt werden können, müssen selbstverständlich notwendige Sicherheitsmaßnahmen geplant, trainiert und die notwendigen innerbetrieblichen Strukturen dafür geschaffen werden. Diese betrieblichen Voraussetzungen umfassen sowohl technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen.

Das „Aachener Modell“ empfiehlt für die Umsetzung unter anderem folgende Bausteine:
– Begehungen und Beratung mit Experten
– Gefährdungen analysieren und Maßnahmen ableiten
– mehrstufige Alarmierungssysteme
– dokumentierte Sicherheitskonzepte für Notfall- und Krisensituationen
– Nachsorgekonzepte für berufsbedingte Krisensituationen mit psychischen Extrembelastungen

Quelle: Beamten-Magazin 03/2016


 

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